Wein, wildspontan …

Das Weingut Merkle in Ochsenbach

Lange waren bei uns Weine aus dem Anbaugebiet Württemberg völlig aus dem Blick. Zu sehr hatte man aus der eigenen Vergangenheit die Kneipen-Weingläser mit Henkel vor Augen, gefüllt mit einer wässerigen Lösung, die sich Wein nannte, dem Trollinger, vielleicht ein wenig eingefärbt und mit geringer Geschmacksnote versehen mit einer Spur von Lemberger. Weine, von denen geschmacklich etwas erwartet wurde, kamen aus anderen Regionen. In Erinnerung war noch ein Wein aus Jugendzeiten, eine alte Sorte, heute kaum noch auffindbar, der Samtrot – der war vor allem beliebt, weil er so herrlich süß war.

Bei einem Besuch in Süddeutschland gab es mal wieder Württemberger Weine zu probieren, durchaus nicht schlecht. Auf jeden Fall ein Anlass, etwas zu recherchieren, was es da Neues gibt, vor allem bei den etwas anderen Winzern und Rebsorten, typisch für die Region – mal nachsehen, was der Samtrot so tut, oder der Lemberger, die Heroldrebe, der Trollinger. Die erste Runde – wenig begeisternd, der Samtrot hat in der „Normalausgabe“ immer noch einen enormen Zuckergehalt, über 50 g Restsüße.

Aber nach einigem hin und her: Die Entdeckung. Ein Weingut, von dem wir noch nie etwas gehört hatten, und all das, was auf der Internetseite stand, richtig spannend, und noch mehr all das, was mir die Chefin des Weinguts, Anja Merkle, am Telefon über ihre Weine erzählte.

Im Weingut Merkle in Ochsenbach im Kirchbachtal, bei Vaihingen, prangt auf allen Informationen und auf den Weinflaschen das Wort „wildspontan“. Die Rebsorten passen zur Region. Bei den Roten steht voran der anspruchsvolle Lemberger in verschiedenen Varianten, dazu Spätburgunder, Muskattrollinger und Samtrot. Bei den Weißen sind es Riesling, Müller-Thurgau, Sauvignon Blanc und Gewürztraminer. Ein Cremant, ein Secco und ein naturtrüber Rosè namens Pèt Nat runden das Angebot ab. Keine breite Palette, klingt aber weit besser wie ein „Gemischtwarenladen“.

Aber besonders beeindruckt ist man dann, wenn man erfährt, wie dieser „wildspontan“ produziert wird. Die Roten werden ganz traditionell auf der Maische vergoren; auf die meist übliche Kurzzeithocherhitzung wird verzichtet, damit die Inhaltsstoffe erhalten bleiben. Auch die weißen Sorten mazerieren mehrere Stunden, oft auch Tage, auf der Maische, damit sie ihr volles Potential für den Wein entfalten können.

Die gute Lage der Weinberge und viel Zeit beim Ausbau der Weine – so gibt es auch keinen Bedarf für Weinbehandlungen, Schönungen und sonstige Zusätze. Aber eines, das beeindruckt ganz besonders, und das steckt hinter dem Begriff „wildspontan“. Bei Merkle wird keine Industriehefe eingesetzt, sondern nur eine Hefe, die aus den eigenen Weinbergen gewonnen wird.

Das Weingut geht einen Weg, der sich abwendet von der immer industrielleren Produktionsweise des Wein – weg vom Einheits- und Standardprodukt, das mit den von der Industrie gelieferten Hefen für den Ausbau des Weins gefördert wird. In einem Projekt mit der FH Heilbronn ging es darum, die biologische Vielfalt der regionalen Natur wiederzuentdecken – es wurde in den eigenen Weinbergen nach Wildhefen, die es in Harzen, Blüten oder Früchten gibt; diese wurden für die Weinbereitung getestet und gezüchtet. Bei Merkle entsteht jetzt Wein mit hauseigener Hefe!

Klar ist, dass das probiert werden muss. Im Telefongespräch erklärt Frau Merkle bei meiner Bestellung, dass ich mich etwas wundern würde, wenn ich die Weine probiere. Wer üblichen Geschmack erwarten würde, wäre erstaunt. Vor allem der Samtrot sei bei weitem nicht so, wie man ihn allgemein erwarten würde. Aus meiner Sicht: Kein Problem.

Bestellt, Weine angekommen, die ersten probiert – nach dem Zufallsprinzip. Zuerst erwischt – das „Beerengeflüster“, ein herrlicher frischer leichter Cuvèe-Wein, geschmackvoll, fruchtig, ein Genuss. Ein paar Tage später – der „Sauvignon Blanc“, der völlig überrascht, weil er so anders ist als erwartet, voll fruchtig und doch zugleich spritzig ist, und eine unglaubliche Geruchs- und Geschmacksvielfalt bringt, Varianten beim Riechen, Antesten, Trinken und im Nachgeschmack. Ein Wein mit Charakter. Dann der „Lemberger“ aus der Steillage – eine fast unheimliche Fruchtigkeit, ein tiefroter Tropfen, bei dem man gar nicht so recht anfangen kann zu trinken, weil immer noch die Nase im Glas hängt, zum schnuppern; dann beim Trinken ein voller Geschmack, und der ganz lange nachhaltig. Auch ein unglaubliches Tröpfchen.

Da ich überhaupt kein Freund des meist mit großem Pathos vorgetragenen Weintester-Sommelier-Aromen-Gefasels bin, wonach Weine immer nach allem möglichen schmecken, nur nicht nach Wein oder Rebsorten, sondern nach all dem was an Kernobst oder Beerenobst wächst und an Gewürzen erschnupppert oder an alten Brettern oder frischem Holz zugemischt wird, anschließend nach Moos durftet und Wald und an frische Luft erinnert, vielleicht beim einen oder anderen auch nach einigem von dem was kreucht und fleucht, gibt es abschließend einfach eine kurze, treffende Beschreibung:

Die bisher getrunkenen Weine waren hervorragend, voll im Aroma, in einer unglaublich guten Geschmacksvielfalt und -tiefe, und sie haben sich je nach Temperatur (wenn der Wein ein Weilchen im Glas war) erlaubt, auch die Geschmacksnoten zu verändern. Lecker, bekömmlich, geschmackvoll, zum schnuppern wie zum trinken. Einfach richtig guter Wein.

So macht Weintrinken Freude. Wir freuen uns auf die nächsten Fläschchen.

Hier gibt es den Wein:
Weingut Georg und Anja Merkle G.b.R, Blankenhornstraße 12-14, D-74343 Sachsenheim Ochsenbach, Tel. +49 07046 7677, info@weingut-merkle.de

Direkt zum Weingut geht es hier …

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